Christian Fischer

Donnerstag

1

August 2013

0

KOMMENTARE

Der Selbstbetrug mit der Hilfsfrist

Veröffentlicht von , veröffentlicht unter Allgemein

Man findet sie in manchen Feuerwehrgesetzen, in Brandschutzbedarfsplänen und in diversen Begründungen für wahlweise den Fortbestand einzelner Feuerwehrstandorte oder der Beschaffungsnotwendigkeiten für neue Fahrzeuge/ Geräte. Die Hilfsfrist. Hierbei wird oftmals auf die AGBF-Schutzziedefinition und auf “die WIBERA-Studie” verwiesen. Und diese Hinweise werden dann als gegebene Rahmendaten angenommen ohne zu hinterfragen, ob sie in den jeweiligen Fällen Sinn machen.

“Die WIBERA-Studie” ist die “Grundlagenuntersuchung für die Entwicklung verbesserter Feuerwehrfahrzeuge zur Optimierung der Leistungsfähigkeit bei der Brandbekämpfung und anderer Einsätze”, die in den Jahren 1976 –  1978 durchgeführt und 1978 veröffentlicht wurde. Wir halten also fest: Wir diskutieren im Jahr 2013 allen ernstes Hilfsfristen auf der Basis einer  Datenlage, die 35 Jahre alt ist. Respekt kann ich da nur sagen.

Im Rahmen dieser Arbeit wurde eine immer wieder gerne verwendete Graphik erstellt, die den Verlauf der CO-Entwicklung in einem Brandraum wiedergibt und die Erträglichkeits- und Reanimationsgrenze festlegt. Auch diese Annahme ist nun mindestens 35 Jahre alt. Von der Frage der Belastbarkeit der damaligen Datenbasis (wir erinnern uns, es gibt bis heute nicht einmal bundeseinheitliche Brand(einsatz)berichte der Feuerwehren geschweige denn so etwas wie die Unfallforschung der Automobilhersteller in Zusammenarbeit mit den Hochschulen im Bereich Verkehrsunfall). Diese beiden Grenzwerte “Erträglichkeitsgrenze” (13 Minuten) und “Reanimationsgrenze” (17 Minuten) wiederum, die alles andere als wissenschaftlich unangreifbar ermittelt wurden, sind Basis für die diversen Feuerwehr-Hilfsfristberechnungen. Denn von der 17 Minuten Reanimationsgrenze erfolgt eine Rückrechnung, indem “fixe” Zeitansätze die bis zur Entdeckung, für die Meldung, die Notrufannahme, die Alarmierung und die Erkundung/ Entwicklung des Angriffs abgezogen werden. Das Ergebnis der Rückrechnung ist dann die Zeit, die zwischen Alarmierung der Kräfte und dem Eintreffen an der Einsatzstelle vergehen darf. Und dies definiert dann wiederum die Dichte der Standorte, da natürlich darauf zu achten ist, dass mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit die Orte der Schadensereignisse im Rahmen dieser Hilfsfrist erreicht werden können. Dies bestimmt damit also, wie viele Berufsfeuerwachen in Großstädten vorhanden sein sollen udn wie viele Standorte an Freiwilliger Feuerwehr auf dem Land es geben muss.

Auf Basis einer 35 Jahre alten und durchaus fragwürdigen Datenlage werden also Investitions- und Personalentscheidungen im je nach Größe der Kommune bis zu zweistelligen Millionenbereich getroffen.

Was wäre, wenn eine neue Untersuchung ergeben würde, dass die Reanimationsgrenze nicht bei 17 Minuten liegt, sondern bei (sagen wir fachmännisch gewürfelt) nur 9 Minuten. Wir erzählen im Rahmen der Rauchmelderkampagnen ja gerne: 3 Atemzüge Brandrauch und man ist bewusstlos, weitere 3 Atemzüge Brandrauch und man ist tot. Denn schließlich hat sich in den letzt 35 Jahre doch bei den Werkstoffen die für die Inneneinrichtung von Wohnungen verwendet werden einiges getan. Es sind wesentlich mehr Kunststoffanteile vorhanden, was für die Brandlast, aber auch für die im Rauch enthaltenen Verbrennungsprodukte eine grundlegende Neubewertung erfordern würde. Und das Ergebnis wäre sicherlich so, dass die 17 Minuten pulverisiert wären. Und was dann? Pflastern wir dann die Großstädte mit neuen Feuerwachen? Und auf dem Land in jeden Ort ebenfalls eine hauptamtliche Wache? Denn schließlich haben wir ja bisher immer Wert darauf gelegt, dass die Hilfsfrist eingehalten wird. Dafür brauchte man dann mehr BF-Wachen/ BF-Personal, neue Fahrzeuge bei der FF und natürlich konnte kein auch noch so kleiner Standort geschlossen werden, ohne dass gleich der Untergang des Abendlandes mit Verweis auf die Hilfsfristen heraufbeschworen wurde.

Das Ergebnis wäre bei einer ehrlichen Betrachtung: Wir können zu vertretbaren Kosten keine kürzere Hilfsfrist gewährleisten (in vielen Fällen können wir ja schon die heutigen Hilfsfristen nicht gewährleisten, es interessiert nur meistens niemanden). Wenn wir uns aber von irgend welchen pseudowissenschaftlich ermittelten Hilfsfristgrundlagen entfernen, dann sind wir bei dem Punkt, an dem wir schon lange sein müssten: Der politischen Definition der Hilfsfrist. Die jeweils für die Feuerwehr verantwortlichen, gewählten gesetzlichen Vertreter einer Kommune entscheiden durch die Mittelausstattung der Feuerwehr über deren Leistungsfähigkeit. Sie sagen, wieviel Feuerwehr der Bürger der Kommune bekommt. Damit diese nicht in Richtung unendlich steigt (was in der Tat etwas lange wäre), kann man Rahmenfristen festlegen, die sich an einfach berechenbaren Indikatoren wie der Bevölkerungsdichte festmachen. Wo mehr Menschen wohnen ist die absolute Anzahl der  Schadensereignisse einfach höher, so dass durch den zeitnahen Einsatz der Feuerwehr in mehr Schaden verhindert werden kann, als dort wo wenige Menschen pro Flächeneinheit wohnen. Mitteleinsatz zu Ergebnis stehen also in einem besseren Verhältnis zueinander. Und wir sollten endlich das Märchen mit den überall gleichen Lebensverhältnissen vergessen. Es gibt Ecken, da ist die nächste Klinik 30-45 Fahrtminuten entfernt, während an anderer Stelle die nächste Klinik keine 10 Minuten entfernt ist. Wo hat der Patient mit der inneren Blutung wohl bessere Chancen, rechtzeitig unter der Klinge des Chirurgen zu landen?

Im Zugführerlehrgang wurde mir in der Schnellbleiche VB mal erklärt, dass das Ziel des VB und den abwehrenden Brandschutzes aus Sicht von Sachversicherern vereinfacht darauf reduziert werden kann: In einem Mehrfamilienhaus wird eine Ausbreitung auf umliegende Wohnungen verhindert, bei Einfamilienhäusern die Ausbreitung auf die Nachbarhäuser. Und auch bei der Personenrettung reicht nach Musterbauordnung das eine anleiterbare Fenster pro Nutzungseinheit. Und was wenn der Weg dahin in der Wohnung in welcher der Brand ausgebrochen ist versperrt ist? Die Musterbauordnung kalkuliert also bewusst das ein, was ich gerne als “Normtoten” bezeichne. Es gibt eben keine 100% Sicherheit.

Die allgemeine Hilfsfrist könnte sich also ebenso ein Anleihe an den Erwartungen der Sachversicherer nehmen. Und wenn wir ehrlich sind, eine erfolgreiche Menschenrettung aus der Wohnung, in der das Feuer ausgebrochen ist? Also die Rettung einer Person, die dem Brandrauch mehrere Minuten (abhängig vom Zeitpunkt der Brandentdeckung – Rauchmelder helfen hier mehr als jedes zusätzliche HLF – und der Geschwindigkeit der Meldung) ungeschützt ausgeliefert ist? Wie hoch sind da die Erfolgschancen? Etwas mehr Gelassenheit bei diesen Betrachtungen könnte durchaus dazu führen, dass wir mit weniger Aufwand auch keine messbar geringeren Erfolge haben. Denn wann wir eintreffen ist alleine kein Qualitätsmerkmal (von der Anzahl und der realen Qualifikation der eintreffenden Einsatzkräfte reden wir noch gar nicht) im Hinblick auf das Ergebnis. Wenn wir nach 3 Minuten eintreffen (weil der Schadensort neben dem Feuerwehrhaus liegt und wir quasi vor Ort sind) und die Person ist tot, dann ist das Ergebnis das selbe, wie wenn wir nach 20 Minuten eingetroffen wären. Nur bei der Planung auf Basis von Hilfsfristen tun wir immer so, als ob die Zeit wirklich etwas aussagen würde.

Im Hinblick auf die demographische Entwicklung der Bevölkerung und den steigenden Kosten für das Gesamtsystem Feuerwehr wäre es also dringend an der Zeit, zum einen die 35 Jahre alten Werte der Studie endlich zu widerlegen und dann vollkommen offen eine ganz neue Diskussion zu beginnen mit der Frage “Wieviel Feuerwehr wollen/ können wir uns leisten”. Und ich fürchte ich weiß jetzt schon, wie unsere Verbände in kompletter Mißachtung jeglicher logischer Argumentation an alten Zöpfen festhalten werden weil sie ganz genau wissen, dass ein Systemwechsel eine erhebliche Reduzierung der Anzahl und der Größe (Fahrzeuganzahl) der heutigen Standorte (insbesondere der Freiwilligen Feuerwehren) als Ergebnis hätte. Und das ist Stimmvieh und Wahlvolk…

 

FacebookGoogle+LinkedIntumblrTwitter

Hinterlasse eine Antwort