Christian Fischer

Samstag

20

Juli 2013

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Wie wär’s mit einem Verbrenner?

Veröffentlicht von , veröffentlicht unter Technik

Bis 2009 es sah die Welt für mich was hydraulisches Rettungsgerät gibt so aus: Ein Hydraulikaggregat hatte einen Elektromotor und Schnellangriffshaspeln. Auf dem Aggregat waren Schneidgerät und Spreizer gelagert. Warum? Weil ich so “sozialisiert” wurde. Warum 2009? In diesem Jahr fand die Word Rescue Challenge, also die Weltmeisterschaft in der Verkehrsunfallrettung, in Frankfurt am Main statt. Und ich war dort als als Organisationshelfer und Schiedsrichter dabei. Dabei fiel mir auf, dass die oben beschriebene Gerätekonfiguration quasi ausschließlich von den Mannschaften aus dem deutschsprachigen Raum verwendet wurde. Alle anderen griffen bei der Zusammenstellung Ihres Gerätesatzes quasi automatisch zu den Aggregaten mit Verbrennungsmotor. Und der Vorteil war, dass von den drei großen europäischen Rettungsgeräteherstellern alle erdenklichen Gerätearten vor Ort waren und ich diese in Ruhe in Augenschein nehmen konnte. Und damit begann für mich der Prozess der Analyse. Was sind die Vorteile, was die Nachteile, was die Einschränkungen der verschiedenen Systeme?

Beginnen wir bei den technischen Daten (auch wenn natürlich eigentlich die Taktik führt, aber ein paar technische Infos im Hinterkopf erleichtern dann die taktischen Überlegungen). Da ich mit Geräten des Herstellers Weber aufgewachsen bin, habe ich die folgende Betrachtung eben auf dessen Produktpalette aufgebaut.

1. Gerätegewicht

  • E 50-T + SAH 20: 73 kg (als Vertreter der klassischen Konfiguration)
  • V 50 Eco: 29,9kg
  • V-Eco-Compact: 23,9
  • V EcoSilent: 24,9 kg

2. Ölmenge

  • E50-T + SAH 20: 4l
  • V 50 Eco: 4l
  • V-Eco-Compact: 3,8l
  • V-EcoSilent: 2,7l

 

Nun zur Taktik. Betrachten wir doch mal den Einsatz bei einem Verkehrsunfall nach Eintreffen des ersten HLF. Welche Aufgaben stehen an bzw. wie ist die Aufgabenverteilung auf das Personal?

Gruppenführer: Erkundung, Führen, Verbindung mit anderen Diensten und rückwärtigen Stellen halten
Melder: Betreuung/ Versorgung des Patienten, “Innerer Retter”
Angriffstrupp: Rettung/ Geräteeinsatz
Wassertrupp: Sicherung (Verkehr, Brandschutz,…)
Schlauchtrupp: Gerätebereitstellung

Interessant ist die oben gestellte Frage vor allen Dingen für die Aufgabe des Schlauchtrupps. In der “traditionellen” Konfiguration,  also Aggregat mit 2 x 20m Haspeln und darauf gelagert Spreizer und Schneidgerät wiegt ein kompletter Satz über 120 kg. Dieser Satz muss also zwingend von mindestens  zwei Einsatzkräften aus dem Einsatzfahrzeug entnommen und transportiert werden, wobei bei realistischer Betrachtung 60 Kilo pro Person immer noch deutlich über der Grenze sind, die sicher und ergonomisch zu handhaben sind. In der ersten Phase des Einsatzes ist aber grundsätzlich das Personal der limitierende Faktor. Der Schlauchtrupp muss sich faktisch zerreißen. Zum einen wird am Anfang vor allen Dingen Material zur Stabilisierung und Unterbau des Fahrzeugs benötigt. Dieses muss auf der Geräteablage bereitgestellt werden. In der entsprechenden Personallage wird der Einsatz dieser Geräte dann vermutlich vom Angriffstrupp selbst durchgeführt werden müssen. Die Übergabe von der Geräteablage zur Unterstützung des Angriffstrupps sollte dann von einem Angehörigen des Schlauchtrupps durchgeführt werden. Muss nun der hydraulische Rettungssatz aus dem Fahrzeug entnommen und auf der Geräteablage bereitgestellt werden, so fehlen viele Hände.

Regelmäßig kommt die Frage, warum der Rettungssatz überhaupt aus dem Fahrzeug entnommen werden muss. Betrachtet man die heute gültige Raumaufteilung mit dem 5m unter dem 10m Radius rund um das Unfallfahrzeug als Stand der Technik, dann muss ein Einsatzfahrzeug mindestens außerhalb dieses 10m Kreises stehen. Damit sind mindestens 10m Schlauchlänge der 20m Leitung verbraucht. Und um das Unfallfahrzeug zu umrunden reichen die verbleibenden 10m gerade so aus. Wenn der Unfall auf der Seite ist, auf der das Gerät im Fahrzeug gelagert ist. Deshalb wird dann oftmals der Aufstellungsort des Einsatzfahrzeugs so gewählt, dass man bequem aus dem Geräteraum arbeiten kann. Dies bedeutet dann gerne, dass das Fahrzeug aber nicht taktisch sinnvoll steht. Deshalb ist es regelmäßig sinnvoll, auch den hydraulischen Rettungssatz komplett auf der Geräteablage zu deponieren. Denn so hat man zum einen eine einheitliche Vorgehensweise für alle Einsatzstellen was die Ausbildung vereinfacht, zum anderen wird der Gruppenführer nicht in Versuchung geführt, den Aufstellungsort des Fahrzeugs anders zu wählen, als dies taktisch sinnvoll ist.

Die Zerlegung des Rettungssatzes in verschiedene, von einer Person handhabbare Traglasten ermöglicht es, dass auch eine Einsatzkraft alleine den Rettungssatz nach und nach bereitstellen kann. Denn ein Kompaktaggregat mit Verbrennungsmotor (auch mit 3,8l Öl) wiegt nicht mehr, als ein SP 60 (24,7kg). Es können dann nacheinander das Aggregat, Spreizer, Schneidgerät, Schlauchleitungen, Rettungszylinder,… bereitgestellt werden. Auch wenn es mal abseits der befestigten Verkehrswege erforderlich ist, können diese Lasten noch problemlos transportiert werden. Zum Vergleich: Trägt man die oben genannte klassische Gerätekonfiguration zu viert,  muss immer noch jeder Einsatzkraft gute 30 Kilo transportieren. Und dies am Stück mit allen Nachteilen.

Das Thema paralleler Betrieb der Geräte. Die Kompaktaggregate mit Verbrennungsmotor sind heute durchaus in der Lage, zwei Leitungen parallel zu versorgen. Bei verschiedenen Wettbewerben fällt aber auf, dass Mannschaften immer öfters dazu übergehen, nur noch mit einer Leitung zu arbeiten und dann die Geräte um zu kuppeln. Mit den neuen Single-Kupplungen verschiedener Hersteller ist dies auch problemlos möglich. Und man hat somit eine Stolperfalle weniger.

Die neue Technik ermöglicht es auch, dass eine Schlauchleitung, die nicht auf einer Haspel gelagert wird, schnell eingesetzt werden kann. Zur Zeit der traditionellen Doppelschläuche bedeutete eine Lagerung ohne Haspel in der Regel, dass beim auslegen der Leitung sehr schnell Schlaufen entstanden, die entweder aufwändig händisch entfernt werden mussten, oder die zu permanenten Stolperfalle wurden. Mit den neuen Koaxialschläuchen der einzelnen Hersteller ist diese Gefahr gebannt und man kann die Leitung einfach auf den Boden legen und ausziehen.

In Summe der verschiedenen Einflussfaktoren aus Taktik und Technik sieht es für mich so aus, als ob der Zeitpunkt für einen Technikwechsel nie so günstig war wie heute. Ob man mit einem Kompaktaggregat mit großer Ölmenge arbeitet, oder zwei Kompaktaggregate mit geringerer Ölmenge auf einem Fahrzeug bereithält ist eine reine Kostenentscheidung. Bei zwei Aggregaten hat man sogar noch eine eingebaute technische Redundanz für Ausfälle. Denn auch die Zuverlässigkeit der Motoren ist ein gerne gehörtes Gegenargument gegen eine Arbeit mit Kompaktaggregaten mit Verbrennungsmotoren. Man sollte aber nicht vergessen, dass auch die Elektroaggregate in der Regel von einem Verbrennungsmotor abhängig sind. Nämlich dem des Stromerzeugers. Und dem vertrauen wir schließlich auch.

Dazu kommt, dass in einem HLF eine Lagerung eines oder auch zweier Kompaktaggregate mit Verbrennungsmotor und getrennt davon die Hydraulikgeräte und die Schlauchleitungen deutlich flexibler, günstiger und ergonomischer gestaltet werden kann, als ein Elektroaggregat mit Haspeln daran und den Hydraulikgeräten darauf. Auch dies kann ganz neue Spielräume bei der Fahrzeugkonstruktion ermöglichen, da nicht mehr zwingend ein sehr großer, tief gezogene Geräteraum G1 oder G2 mit einer entsprechenden Schwenklagerung, die diese Gewichte auch tragen kann für die Lagerung des Aggregat samt Zubehör benötigt wird.

Und zuletzt. Manchmal tut ein Blick ins Ausland ganz gut. Bei mir kam dieser wie erwähnt bei der Weltmeisterschaft 2009…

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