Christian Fischer

Sonntag

21

Juli 2013

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Ist immer breiter auch immer besser?

Veröffentlicht von , veröffentlicht unter Ausbildung

Betrachtet man das Aufgabengebiet der Feuerwehr fällt auf, da dass sich dieses immer mehr verbreitert. Die neuen Anforderungen gehen oftmals mit neuer Technik einher. Und sie bedingen eine zusätzliche Ausbildung – eigentlich. Wirft aber einen Blick in die FwDV 2 fällt auf, dass sich der Zeitansatz für die Ausbildung in den vergangenen Jahren nicht wirklich signifikant erhöht hat. Die Ausbildung Truppmann Teil 1 dauert immer noch 70 h. Die Ausbildung Truppmann Teil 2 immer noch 80 h. Der Atemschutzgeräteträgerlehrgang 25h. Der Truppführerlehrgang immer noch 35 h. Der Gruppenführerlehrgang 70 h. Der Zugführerlehrgang 70h. Dies bedeutet, dass durch eine interne Umverteilung der Ausbildungsansätze die Tiefe der bisherigen Themen reduziert worden sein muss – oder dass bestimmte (neue) Themen heute schlicht nicht oder nicht im erforderlichen Umfang ausgebildet werden.

Wenn beispielsweise das Thema Absturzsicherung hinzugekommen ist, dann muss man realistische Zeitansätze für die Aus- und Fortbildung festlegen. Diese sind als Erstausbildung sicherlich nicht mit 4-6 Stunden erledigt. Wenn man aber realistische Ansätze von beispielsweise 16 Stunden ansetzt, dann ist diese Ausbildung nicht im Rahmen der o.g. Regelausbildungen zu leisten. Und selbst wenn man einen zu geringen Stundensatz von 4-6 Stunden ansetzt, was lässt man dafür beispielsweise im Rahmen der  Truppmannausbildung  weg?

Aber auch die vorhandenen Zeitansätze mit den bereits vorhandenen Themen gestalten sich mehr als interessant. So stehen gemäss Musterausbildungplan in der FwDV 2 für das Thema “Gerätekunde: Geräte für die einfache Technische Hilfeleistung” Genau 2 (in worten zwei)  Unterrichtseinheiten mit je 45 Minuten zur Verfügung. In dieser Zeit soll der Teilnehmern “die auf Löschfahrzeugen für die Technische Hilfeleistung mitgeführten Geräte richtig benennen und selbstständig handhaben können”, womit immerhin die Lernzielstufe 2 erreicht werden soll. Die Inhalte sind “Gerät zum Anheben und Bewegen von Lasten, Trenngerät, Handhabung”.

Das klingt zunächst recht allgemeingültig. Also schauen wir nach der Konkretisierung. Diese findet sich für Baden-Württemberg im Lernzielkatalog für die Ausbildung Truppmann Teil 1. Dort wird dann konkret gefordert ”

  • die hydraulischen Rettungsgeräte: Spreizer, Schneidgerät, Rettungszylinder selbstständig handhaben können
  • den hydraulischen Hebesatz, die hydraulische Winde und die erforderlichen Unterbaumaterialien selbstständig handhaben können
  • Luftheber und die erforderlichen Unterbaumaterialien selbstständig handhaben können

  • den Mehrzweckzug einschließlich der benötigten Anschlagmittel und Rollen selbstständig handhaben können

  • den Trennschleifer selbstständig handhaben können

  • die Geräte zur einfachen technischen Hilfeleistung selbstständig handhaben können (z. B. Brechstange, Werkzeugkasten, Bolzenschneider, Blechaufreißer, Kappmesser)

  • Schachtabdeckungen und Kanaldichtkissen selbstständig handhaben können

  • Tauchpumpen und Wassersauger selbstständig handhaben können

Und nochmal zur Erinnerung. Für alle diese Themen sind gem. FwDV 2 und LZK Baden-Württemberg genau 90 Minuten Zeitansatz vorgesehen. Und es ist die Lernzielstufe 2 “selbständig handhaben” gefordert. Dies bedeutet gem. FwDV 2 “muss gesamt Handlungsabläufe ohne Anweisungen durchführen oder anwenden können”. In 90 Minuten sollen die Teilnehmer also den kompletten hydraulischen Rettungssatz, den hydraulischen Hebesatz, Luftheber/ Hebekissen, Trennschleifer, den Mehrzweckzug (“Greifzug”) bedienen können und noch vieles mehr. Unrealistisch wäre dafür noch ein freundlicher Ausdruck. In 90 Minuten ist es nicht einmal möglich, mit einer Hand voll Teilnehmern auch nur für einen dieser Themenkomplexe das Lernziel zu erreichen. Geschweige denn mit einem gesamten Lehrgang. Selbst wenn man dies in Form einer Stationsausbildung durchführt, somit für jedes Thema die vollen 90 Minuten mit nur 2 Teilnehmern ansetzt (was einen fast unleistbaren Ansatz an Geräten und Ausbildungspersonal bedeutet) ist es schlicht unmöglich, das Lernziel zu erreichen.

Dennoch stehen diese Forderungen in der aktuellen FwDV 2 und im gerade eben erst überarbeiteten Lernzielkatalog Truppmann Teil 1 in Baden-Württemberg. Das lässt mich als Ausbilder Truppmann/ Truppführer nun etwas ratlos zurück. Warum wird von mir durch die maßgebliche Feuerwehrausbildungsbehörde unseres Landes gefordert, eine Ausbildung durchzuführen, die nicht durchführbar ist?

Immerhin ist es mir in Baden-Württemberg erspart, in diesem großzügigen Zeitansatz von 90 Minuten auch noch das Thema Motorkettensäge auszubilden. Hier hat man schon vor Jahren erkannt, dass eine solide Ausbildung für dieses Gerät im Rahmen der regulären Ausbildung nach FwDV 2 nicht möglich ist. Und es gibt Ausbildungsvorschriften in anderen (berufsgenossenschaftlichen) Bereichen, die hier klare Forderungen aufstellen. Also hat man dieses Thema ausgegliedert und die Feuerwehren müssen sich nun selbst um diese Ausbildung auf Basis der berufsgenossenschaftlichen Vorschriften kümmern. Dies bedeutet ohne es so zu nennen eine Ausweitung des Ausbildungsumfanges um 2 Tage (also 20 Stunden), wenn jeder Feuerwehrmann die Module 1 und 2  beherrschen soll. Die Alternative ist, dass nur einzelne Feuerwehrmänner zu “Kettensägenführern” ausgebildet werden.

Und damit sind eigentlich die beiden Lösungsansätze aufgezeigt

  1. Spezialisierung
  2. Erhöhung des Zeitansatzes für die Ausbildung
  3. Kombination aus 1. und 2.

Wie könnte das aussehen? Wenn wir einmal quer durch die Republik Bestandsaufnahme machen, wie viele Mehrzweckzüge finden wir auf der Gesamtheit der (der in der FwDV 2 genannten) Löschfahrzeuge (dies schließt TSF, TSF-W, TLF, LF und HLF ein)? Wie viele hydraulische Hebesätze? Wie viele pneumatischen Hebegeräte? Wie viele hydraulischen Rettungssätze? Und wie viele junge Feuerwehrmänner bekommen damit Themen in der Ausbildung vermittelt (bzw. man versucht es), die sie auf absehbare Zeit so nicht benötigen werden? Ja, es ist immer interessant über den Tellerrand hinaus zu blicken. Aber wenn Ausbildungszeit knapp ist, können wir uns diese “Allgemeinbildung” dann wirklich leisten? In den 90 zur Verfügung stehenden Minuten kann ich einem durchschnittlichen Teilnehmer im Truppmann Teil 1 solide die Arbeit mit einfachen Geräte beibringen. Dazu gehört heute auch das einfache Handwerkzeug, da ich nicht mehr davon ausgehen kann, dass jemand von Hause aus mit Schraubendreher, Hammer, Handsäge,… umgehen kann. Auch die Arbeit mit der Brechstange oder dem Halligantool als seinem Nachfolger sollte da solide mit erfolgen. Ich kann in diesen 90 Minuten auch eine solide Basis für das Thema Unterbauen/ Sichern legen. Aber dann ist der Zeitansatz auch schon erschöpft. Lernzielstufe 2 wäre erreichbar. Aber der Teilnehmer hat dann keine hydraulischen Rettungssatz, kein Hebegerät (weder hydraulisch noch pneumatisch), keinen Trennschleifer, keine Pumpen,… gesehen, gehört, sie bedient.

Für die Feuerwehrmänner, die diese Geräte ohnehin nicht am Standort haben entsteht damit kein Nachteil. Die haben alles das gelernt, was sie brauchen. Interessant wird es bei diesen nur durch den Faktor, dass sie damit nur ein eingeschränktes Spektrum der Möglichkeiten der technischen Hilfeleistung kennengelernt haben. Dies ist solange unkritisch, solange die so ausgebildeten Personen keine Führungsaufgabe übernehmen. Bei Führungskräften  kann – auf Grund der kleinteiligen Struktur des deutschen Feuerwehrwesens wo teilweise der Leiter einer Feuerwehr in einem Ort mit 800 Einwohnern  ”Chef im Ring” spielen darf ein Mangel an Wissen um weitere technische und taktischen Möglichkeiten außerhalb des eigenen Standortes zu Fehlentscheidungen führen, da z.B.  Nachforderungen nicht entsprechend präzise erfolgen können. Nur kann dieses nicht dazu führen, dass bereits auf Truppebene Themen (leidlich) über Breite ausgebildet werden, anstatt bei weniger Themen in die Tiefe zu gehen.

Die Themen, die so aus der heutigen allgemeinen Ausbildung ausgegliedert würden, müssten dann in speziellen Ausbildungen als zusätzliche Ausbildungsgänge beispielsweise in Form von nach FwDV 2 einheitlich definierten (vergleichsweise kleinteiligen und damit in ihrer Kombination flexiblen) Modulen stattfinden. Je nach Erfordernissen der Wehren auf Basis ihrer Aufgaben und ihrer Ausstattung. Und nach den persönlichen Interessen und Fähigkeiten des einzelnen Menschen. Ein allgemeines Modul Technische Hilfeleistung wäre beispielsweise unangebracht, da dann ggf. wieder eine Wehr die “nur” einen hydraulischen Rettungssatz hat ggf. die Pneumatikheber erlernen muss – ohne dass sie diese selbst besitzt. Und für angehende Führungskräfte kann man eine Vorausbildung durchführen, in denen sie die Leistungsfähigkeit anderer Einheiten kennen lernen. Ähnlich wie dies heute beispielsweise bei der Ausbildung zum Organisatorischen Leiter Rettungsdienst erfolgt, in der diese zukünftigen Rettungsdienstführungskräfte die Möglichkeiten und Grenzen der anderen BOS kennen lernen.

Und damit wir uns nicht falsch verstehen. Damit würde weder der Ansatz der Ausbildungen Truppmann Teil 1, Truppmann Teil 2 noch Truppführer um auch nur eine Stunde nach unten abgesenkt. Sondern die so gewonnene Zeit kann dafür verwendet werden, die übrigen Themen mit der Tiefe auszubilden, mit der dies eigentlich erforderlich ist um ein solides Fundament für unsere Tätigkeit zu erhalten. Wer also mit einer Modularisierung der Ausbildung versuchen will, Ausbildungszeit in welcher Form auch immer zu reduzieren ist in der neuen Feuerwehrwelt nicht wirklich angekommen. Und die allermeisten (vor allem jungen) Feuerwehrmänner die ich kennen gelernt habe waren nicht von Ausbildung als solches abgeschreckt. Sie waren wissbegierig, begeisterungsfähig, neugierig und engagiert. Sie wollten lernen. Aber es musste Sinn machen und die Ausbildung musste von hoher Qualität sein.

Deshalb sollte man dringend zeitnah die Breite für alle zunächst reduzieren, um dafür die Tiefe für alle zu erhöhen. Und wer dann im Einzelfall oder als Gruppe mehr Breite braucht, der muss sie bekommen, dann aber ebenfalls in der erforderlichen Tiefe. Und das nicht nur in der (Erst-)Ausbildung, sondern natürlich auch in der darauf zwingend folgenden Fortbildung und in Übung Haltung. Und zwar in quasi allen heute bestehenden Ausbildungen.

 

 

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