Christian Fischer

Samstag

20

Juli 2013

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KOMMENTARE

2, 4, 6, 8 – 70, 60, 50, 40

Veröffentlicht von , veröffentlicht unter Technik

Hinter diesen Zahlen verbergen sich Die Längenangaben, mit denen die bei den deutschen Feuerwehren überall vorhandenen Steckleiterteile eingesetzt werden. Und sie geben zugleich das Problem dieser Leiter preis. nämlich die Tatsache, dass die Flexibilität die länge betreffend sehr begrenzt ist. Ist die Leiter nur einen halben Meter zu kurz, muss ich dennoch ein vollständiges neues Leiterteil anfügen, welches die Leiter um 1,90m verlängert.

Während dieses beim “Hofballett” an einem Übungsturm oder der Dachkante des Feuerwehrhauses kaum auffällt, wird dieses Problem beim an Leitern von Fenstern “in der freien Wildbahn” sehr schnell deutlich. Denn die Gebäude halten sich nicht an die Maße unseres verbreitetsten Rettungsgerätes.

Drei Möglichkeiten des Anleiterns

Es gibt im Grundsatz drei verschiedene Möglichkeiten, ein Fenster anzuleitern.

1. Neben dem Fenster

Diese Variante führt meist dazu, dass akrobatische Verrenkungen notwendig sind, um von der Leiter durch das Fenster in den Raum überzusteigen. Der Feuerwehrmann unter Atemschutz befindet sich auf Grund des Leiterwinkels mit seinem Körperschwerpunkt in einer ungünstigen Situation.

Und je länger die Leiter die Einstiegesstelle überragt, desto problematischer wird es, da durch die Kombination aus Anstellwinkel und Leiterlänge (die den Berührungspunkt der Leiterspitze am Gebäude bestimmt) im Rechtwinkligen Dreieck Leiter/ Gebäudewand/ Boden der Abstand Leiter zur Gebäudewand bestimmt wird. Und damit der Strecke, die der Feuerwehrmann mit Pressluftatmer  auf dem Rücken zwischen Leiter und Fenster “frei” zurücklegen muss (und gegebenenfalls beim Rettungseinsatz auch ein Zivilist, der vollkommen ungeübt im Leitersteigen ist.

Zugleich muss die Leiter aber, um steigbar zu sein, die Einstiegstelle ein gutes Stück überragen, damit für die Hände Haltemöglichkeiten vorhanden sind. Die Länge des “Überragens” ist bei der Steckleiter schlicht von der Anzahl der zusammengesteckten Teilen in der o.g. Unterteilung abhängig.

Dazu kommt das Problem, dass eine Sicherung des Leiterkopfes gegen seitliches wegrutschen kaum möglich ist. Weder durch festhalten noch durch anbinden. Aber gerade durch den seitlichen Umstieg in die Fensteröffnung hinein wäre dies auf Grund des dabei entstehenden Kräfteverlaufs (“Abstoßen” von der Leiter) sinnvoll. Ein echtes sichern der Leiter durch den üblichen Feuerwehrmann am Leiterfuß ist da auf Grund der Hebelwirkung nur begrenzt möglich. Und zugleich wird zwingend ein dritter Feuerwehrmann dauerhaft gebunden, da sich der Trupp beim Aufstieg nicht selbst gegenseitig sichern kann.

2. Im Fenster

Auch diese Methode ist sehr beliebt. Gemäß §37 Abs. 5 der Musterbauordnung müssen Fenster, die als Rettungsweg nach §33 Abs. 2 Satz 2 der Musterbauordnung dienen, mindestens 90 cm x 120 cm groß sein. Also gehen wir zunächst von diesen Maßen aus. In einem 90cm breiten Fenster steht die Steckleiter, auf einer Seite angelehnt. Die Breite der Steckleiter beträgt rd. 40cm. Verbleiben 50cm für den Feuerwehrmann in Persönlicher Schutzausrüstung zur Brandbekämpfung inclusive Atemschutz und Zubehör wie Leinenbeutel etc. Je nach Körperbau des Feuerwehrmannes kann das problemlos reichen.

Die Sicherung ist bei dieser Methode kein Problem, der seitliche Impuls beim Umsteigen/ Einreiten in das Fenster wird gegen den Fensterrahmen abgeleitet. Ein Festhalten der Leiter von oben oder ein Anbinden ist möglich. Der Umstieg selbst durch Ein-/ Ausreiten auf der Fensterunterkante ist i.d.R. problemlos zu bewerkstelligen. Ein Festhalten ist an der Leiter möglich, da diese stabil steht.

Interessant wird es aber immer dann, wenn nicht “das eine” als Rettungsweg vorgesehene Fenster angeleitert werden muss. Denn hier sind u.U. geringere Breiten als 90cm gegeben, wenn das Fenster schlicht kleiner ist oder es sich beispielsweise um Fenster mit einem Mittelpfosten handelt. Hier kämpfen dann Feuerwehrmann und Leiter um den wenigen Platz in der Fensteröffnung oder es ist ein “herumklettern” um den Mittelpfosten notwendig. Wie stabil ein solcher ist, wenn sich ein Feuerwehrmann mit einem Gesamtgewicht von deutlich über 100kg incl. PSA und Atemschutz daran hängt ist bei der heutigen Bauweise und Einbauweise der Fenster oftmals mindestens spannend. Und eine schnelle Flucht des Feuerwehrmannes über die Leiter beispielsweise bei einer sich schlagartig verändernden Lage (z.B. Raumdurchzündung) ist damit auch nicht möglich.

Und natürlich gilt für diese Methode: Das Fenster muss bereits geöffnet oder zerstört sein, damit die Leiter in die Fensteröffnung eingebracht werden kann. Ein Einschlagen des Fensters mit dem Leiterkopf, wie in alten Ausbildungsunterlagen oft zu lesen ist, ist bei modernen Fenstern mit mehreren Lagen Glas schlicht unmöglich.

 

3. Unterhalb des Fensters

Das Anleitern Unterhalb des Fensters ist die Methode, die in der Literatur am seltensten beschrieben wird. Dabei ist es die Methode, die dem Feuerwehrmann in der Mehrzahl der Lagen die meisten Vorteile bringt. Der Leiterkopf befindet sich genau an der Unterkante des Fensterbrettes. Der Feuerwehrmann steigt normal auf und dann in das Fenster ein. Und entgegen des unausrottbaren Mythos, dass eine Leiter immer drei Sprossen Überstand haben muss: Es ist zulässig. Denn die Drei-Sprossen-Regel leitet sich aus den Berufsgenossenschaftlichen Vorschriften ab. §22 Abs. 2  UVV Leitern und Tritte ab die besagt: “Versicherte dürfen Anlegeleitern nur so anlegen, dass diese mindestens 1m über die Austrittsstellen hinausragen, wenn nicht andere gleichwertige Möglichkeiten zum Festhalten vorhanden sind.” Die “Drei-Sprossen-Regelung” ist also eigentlich eine 1m-Regelung und gilt beispielsweise dann, wenn ich die Kante eines Flachdachs anleitere. Oder wie unter 1. geschildert neben dem Fenster. Da ich aber beim Anleitern unterhalb des Fensters ab einem bestimmten Punkt den Fensterrahmen als Haltemöglichkeit habe, entfällt diese Regelung hier.

Eine Sicherung von unten (halten) und oben (durch Anbinden) ist möglich und beim Einsteigen entstehen keine seitlichen Impulse. Ferner steht dem Feuerwehrmann die gesamte Breite des Fensters für den Ein-/ Ausstieg zur Verfügung. Es reicht also ggf. auch ein Fenster, das in der Breite erheblich unter den Anforderungen der Musterbauordnung liegt.

Bei Ausbildungen im Rahmen des Lehrgangs Truppmann Teil 1 wurde mit dieser Methode ebenso gute Erfahrungen gemacht, wie bei der Fortbildung mit erfahrenen Einsatzkräften. Zunächst wurde insbesonder beim Abstieg ein “Steigen ins Nichts” befürchtet, dieses Gefühl verschwand allerdings sehr schnell. Darüber hinaus sind auf diese Weise auch Rettungen nicht gehfähiger Zivilisten durch Sitzen auf den Oberschenkeln des steigenden Feuerwehrmannes und Rutschen mit dem Rücken auf den Leiterholmen oder Querlage auf den Oberarmen (dann zwei Leitern parallel nebeneinander mit je einem Feuerwehrmann) möglich.

Aber: Dazu muss die Leiter direkt unterhalb des Fensterbrettes enden, damit ein sicherst steigen auch auf den oberen Sprossen noch möglich ist. In geringem Umfang kann die Leiterlänge noch durch den Anstellwinkel beeinflusst werden. Bei 8,4m Leiterlänge der 4-teiligen Steckleiter sind bei den in der Ausbildung üblichen Winkelgrenzen bei 65°  7,6m und  bei 75° 8,1m Höhe abdeckbar. Danach folgt wieder ein Sprung um 1,9m – in diesem Fall nach unten.

Es wäre also eine Leiter sinnvoll, die sich nicht nur in Schritten von 1,9m verändern lasst. Und damit komme ich zum eigentlichen Punkt dieses Beitrages.

Warum nicht eine andere Leiter verwenden?

Es wäre dann eine Leiter gefordert, die in kürzeren Schritten als die Steckleiter ausgezogen werden kann. Wir kennen eine solche. Die Schiebleiter (eigentlich Seilzugleiter). Auf den Fahrzeugen verlastet die Form 3-teilig mit Stützstangen. Natürlich ist diese keine Alternative, da zu schwer (71kg) und zu personalintensiv (4 Mann, Besetzung der Stützstangen). Bei der Steckleiter reichen heute 3 Mann für die Vornahme und je nach Technik 2 Mann zum Besteigen aus, das Gewicht von 4 Teilen liegt bei 39,6kg. Bei der Betrachtung des Angebots einschlägiger Hersteller fällt dann sehr schnell die Variante “Seilzugleiter, 2-teilig, ohne Stützstangen” auf.

  • Gewicht: 43kg
  • Länge eingezogen: 5,6m
  • Länge ausgezogen: 9,7m
  • Zugelassene Personenzahl auf der Leiter: 3

Dies entspricht der Leistungsfähigkeit der Steckleiter in den Konfigurationen zwischen 2- und 3-teilig bei der eingezogenen Länge und geht deutlich über die 4-teilige Steckleiter hinaus. Und die Verstellbarkeit ist der Sprossenabstand von ca. 30cm. Und wenn wir ehrlich sind. Wie oft haben wir uns oberhalb der 2-teilige Steckleiter schon mal verschätzt wenn es darum ging “reichen 3 oder brauchen wir 4″ bzw. “passen 4 dann überhaupt hin” (vor allem, wenn nach der o.g. Variante 2. in das Fenster hinein angeleitert werden soll und irgend wann die Raumdecke im Weg ist). Und nebenbei ist die Zulassung der Personenzahl auf der Leiter auch um eine Person höher, als auf der traditionellen Steckleiter, die als 2-Personenleiter zugelassen ist.

Für die Leitervornahme reichen ebenfalls wie bei der Steckleiter 3 Feuerwehrmänner aus, sowohl vom Gewicht wie auch von der Bedienung her. Die Grundsätzliche Bedienung ist von der 3-teiligen Schiebleiter bekannt. Die Bedienung ist jedoch, da nur ein Leiterteil ausgezogen werden muss, mit deutlich weniger Kraft verbunden.

“Aber was macht man dann unterhalb der 5,6m Länge?” wird die nächste Frage sein. Die einfache Antwort: Multifunktionsleiter. Diese deckt mit den Längen 2,3 m (eingeklappt), 4,6m (ausgeklappt) und 5,6m (ausgeklappt mit Aufsteckteil) genau die Spanne ab, die sich unterhalb der 2-teiligen Auszugleiter befindet. Ihr Gewicht ist mit 23,5kg sogar so gering, dass hier zwei Feuerwehrmänner für die Vornahme ausreichend sind (eigentlich sogar einer alleine). Und ans Nebeneffekt bekommt man noch andere Leiterfunktionen wie die Bockleiter dazu (die man heute oftmals durch Verbindungsteile für die Steckleiter erkauft). Das wäre die einzige gewichtsmäßige Zusatzbelastung auf den Einsatzfahrzeugen durch diese Umstellung.

Daneben kann man natürlich auch bedenken, dass es jenseits der genannten heute im Handel erhältlichen 2-teiligen Auszugleiter für die Feuerwehr im zivilen Markt auch andere Leiterlängen gibt, die z.B. die Leiterlänge 4,7m eingezogen – 8,4m ausgezogen  abdecken und das wäre dann genau 2-teilige Steckleiter bis 4-teilige Steckleiter. Sollte die Nachfrage der dt. Feuerwehren dahin gehen, wären die Hersteller sicherlich in der Lage, diese auch mit “Feuerwehrzulassung” zu fertigen. Dann müßte man, wenn man die Multifunktionsleiter (weil zu modern und zu kompliziert oder zu schwer) nicht will, nur ein einzelnes traditionelles Steckleiterteil A als Anstellleiter für die Länge unterhalb 4,6m mitführen. Gewicht: 10kg.

Und ja, mit einer 2-teiligen Auszugleiter kann man weder in Teirgatter bauen noch mit einer Folie einen Dekonplatz  bestücken und auch sonstige nicht leitertypische Einsätze entfallen. Aber das kann fachlich doch kein Grund sein, ein nur begrenzt zeitgemäßes Gerät, auf dessen Prüfbescheinigung “Rettung und Zugang” steht, weiterhin mitzuführen. Ach ja. Mit 2 Multifunktionsleitern von 2 Fahrzeugen zusammengezogen kann man die ganzen schönen Basteleien übrigens auch zukünftig noch weiter führen…

Fazit

Auf Grund dieser Betrachtung wird für mich immer klarer, dass die 4-teilige Steckleiter mehr als ein Auslaufmodell ist. Sie hat eigentlich keine Vorteile gegenüber anderen Leiterarten, ist von der Bedienung her vergleichsweise fehleranfällig (wie oft sieht man nicht verriegelte Sperrbolzen) und von der Nutzerfreundlichkeit der was das Einsteigen durch die Anpassung der Leiterlänge an die tatsächliche Einstiegshöhe betrifft indiskutabel.

Warum es sie dann immer noch gibt? Feuerwehr-Standard-Antwort Nummer 1: Das war schon immer so…

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