Christian Fischer

Samstag

16

März 2013

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KOMMENTARE

Überwachung im Atemschutzeinsatz

Veröffentlicht von , veröffentlicht unter Taktik

Wichtige Unterscheidungen

Unter dem Begriff „Atemschutzüberwachung“ werden die verschiedensten taktischen und technischen Varianten teilweise wild durcheinander gewürfelt.

Eine grundsätzliche Trennung in folgende drei Punkte ist deshalb erforderlich:

  1. Atemschutzlogistik
  2. Atemschutzdokumentation
  3. Atemschutzüberwachung
Zu 1)

Hierbei geht es darum, dass an einer Einsatzstelle stets ausreichend Gerät und einsatzbereite Mannschaft zur Verfügung steht. Dies bedeutet, dass der Einsatzleiter im Rahmen seiner Planungen eine Vorstellung davon haben muss, wie sich der Bedarf entwickeln wird, und wann er welche Ressourcen nachfordern muss, damit diese dann zur Verfügung stehen, wenn sie benötigt werden. Die hierfür notwendigen Informationen erhält er über den Meldeweg von seinen untergeordneten Abschnitten.

Zu 2)

Die Atemschutzdokumentation umfasst die in der FwDV 7 geforderten Daten im Atemschutznachweis und im Gerätenachweis. Diese Daten leiten sich zwar aus der Einsatztätigkeit ab, sind aber eine rückwärtige Aufgabe, die erst im Anschluss an den Einsatz selbst ausgeführt wird.

Zu 3)

Hier kommen wir zum eigentlich spannenden Punkt. Die Spannbreite dessen, was hier in der Praxis umgesetzt wird erreicht von einer reinen “Feigenblattfunktion” die gerade mal die in der FwDV 7 in dürren Worten umschriebenen Anforderungen erfüllt, bis hin zur funkgestützten Hightechlösung.

Aber eigentlich ist es relativ einfach. Die Atemschutzüberwachung dient schlicht dazu, dass die Einsatzkräfte vollzählig wieder einrücken. Der Gruppenführer befiehlt seine Kräfte in eine lebensfeindliche Umgebung. Also hat er auch Sorge dafür zu tragen, dass sie diese wieder gesund verlassen. Und damit ist auch klar, wer die Atemschutzüberwachung zu verantworten hat. Nämlich die Person, die dem Atemschutztrupp seinen Einsatzbefehl gibt. Dies ist in den allermeisten Fällen der Gruppenführer. Damit wird auch deutlich, dass irgendwelche „zentralen Atemschutzüberwachungen“ Aufzug oder gar Abschnittsebene an einem ELW. Denn der Gruppenführer muss jederzeit Zugriff auf die Daten haben. Dies wird dann besonders deutlich, wenn man über die “Feigenblattfunktion” hinaus dokumentiert, und so die Atemschutzüberwachung erst zum Leben erweckt.

Welche Daten sind zu erfassen

Welche Daten also sind im Laufe des Einsatzes und insbesondere dann, wenn es zu einem unvorhergesehenen Zwischenfall kommt, für den Gruppenführer wichtig.

  • Der Funkrufname des Trupps. Dieser muss eindeutig sein. Damit scheiden Nachnamen ebenso aus, wie reine Durchnummerierungen. Am ein deutlichsten sind fahrzeugbezogene Rufnamen, die sich an der FwDV 810.3 orientieren.
  • Der Beginn des Atemschutzeinsatzes
  • Der Anfangsdruck
  • Die Geräteart. Es ist ein Unterschied, ob es sich bei einem Anfangsdruck von 300 bar um eine 6l-Flasche oder um zwei 6,8l-Flaschen handelt.
  • Druckmeldungen des laufenden Einsatzes. Hier bietet es sich an, dass der Trupp selbstständig seinen Druck meldet, wenn er ohnehin das Funkgespräch mit seinem Gruppenführer eröffnet um eine andere Meldung abzusetzen.
  • Das Einsatzziel
  • Den Weg dahin. Also beispielsweise Treppenraum oder Steckleiter
  • Der Einsatzauftrag
  • Der aktuelle Aufenthaltsort. Hierzu ist insbesondere wichtig, dass der Trupp Ortswechsel meldet. Dies betrifft beispielsweise Wechsel der Etage oder der Wohnung einer Etage, nicht aber jedes einzelne Zimmer.
  • Die Bezeichnung der Schlauchleitung mit welcher der Trupp vorgeht. Spätestens nach der zweiten Ablösung am Rohr weiß der Gruppenführer nicht mehr, welcher Druck an welcher seiner 2-3 Leitungen hängt.
  • Wichtige Rückmeldungen des Trupps

Wie werden die Daten genutzt

Wenn man diese Daten vor sich sieht wird deutlich, dass sie nur dann einen Wert haben, wenn der Gruppenführer darauf unmittelbaren Zugriff hat. Er bildet sozusagen die Lage in seinem Verantwortungsbereich auf der Atemschutzüberwachungstafel ab. Sozusagen die Lagekarte des Gruppenführers. Dies geht aber nur dann, wenn er diese Tafel im direkten Zugriff hat. In der Regel bietet es sich an, dass er sie selbst führt, hat der einen Melder, der ständig bei ihm ist, kann er ihn selbst verständlich dafür einsetzen. Dann kann der Melder aber nicht mehr spontan für andere Aufgaben eingesetzt werden. Auch am Pumpenstand eines Fahrzeugs zig Meter vom Gruppenführer entfernt macht es wenig Sinn, diese Daten vorzuhalten. Ganz zu schweigen davon, dass die Daten einer taktischen Beurteilung bedürfen, wenn sie Eingang in die “Lagekarte“  finden sollen. Und nicht zuletzt ist der Gruppenführer der Ansprechpartner des Trupps über Funk. Es ist für den Trupp im Einsatz unter teilweise nicht gerade optimalen Rahmenbedingungen immer verwirrend, wenn er wechselweise von verschiedenen Personen angefunkt wird.

Ein gerne genanntes Gegenargument gegen diese Vorgehensweise der Überwachung durch den Gruppenführer selbst ist, dass er damit überfordert wäre. Eine Führungskraft führt nach der gängigen Führungslehre 3-5 unterstellte Einheiten. Im Falle des Gruppenführers sind dies seine drei Trupps. Hat er nun seine beiden Atemschutztrupps im Einsatz, bleibt ihm noch genau ein Trupp, den er außerdem zu führen hat (ggf. wurde ihm noch der Trupp einer anderen Einheit als Sicherheitstrupp unterstellt, den er aber nicht aktiv führen muss). Also kann und muss er sein Augenmerk darauf legen, die Einsatzkräfte, die er in die lebensfeindliche Umgebung befohlen hat, sicher zurück zu bekommen. Dies kann er mit einer vollständigen und taktisch sinnvollen Atemschutzüberwachung unterstützen.

Betrachtet man die oben genannten Daten weiter, dann fällt auf, dass die in der FwDV 7 genannten Anforderungen weit hinter dem zurückbleiben, was im Falle eines Zwischenfalls erforderlich ist, um einen Trupp in Not schnell lokalisieren und retten zu können. Eben die “Feigenblattlösung”.

Vergangene Atemschutzunfälle haben gezeigt, dass die Zeit bis die verunglückte Einsatzkraft aufgefunden wurde teilweise sehr lang ist. Daher sind haben alle Maßnahmen, die diese Zeit verkürzen unmittelbaren Einfluss auf die Überlebenswahrscheinlichkeit. Überlegt man dann, dass diese zusätzliche Sicherheit sogar kostenlos zu haben ist stellt sich die Frage, warum Geld lieber in technisch aufwändige Systeme gesteckt wird, in Kennzeichnung Westen für “Atemschutzüberwachung”, anstatt in eine sinnvolle Ausbildung der Führungskräfte. Denn sehen wir es ganz deutlich: Wenn ein Gruppenführer nicht in der Lage ist, die oben genannte Überwachungstätigkeit im laufenden Einsatz auszuführen stellt sich ernsthaft die Frage, ob er mit seiner Funktion nicht heillos überfordert ist.

Gruppenführer gilt hier Synonym für die direkte Vorgesetzte Führungskraft des Atemschutztrupps. Dies kann bei einem Einsatz in dem die Einheiten fahrzeugweise eingesetzt werden der Gruppenführer sein, mit dem die Atemschutzgeräteträger an die Einsatzstelle gefahren sind. Bei anderen Einsätzen in denen Abschnitte und Unterabschnitte gebildet werden (beispielsweise bei einem Einsatz in einem Krankenhaus oder einer größeren Pflegeeinrichtungen) oder wenn ein Personalaustausch durch Unterstellung und Abgabe stattfindet (bei länger dauernden einsetzen) ist es die Führungskraft, die den Trupp in den Einsatz befiehlt. Da auch hier die „3-5 Regel“ eingehalten wird, sollte auch hier keine Überforderung vorliegen.

Es kann selbstverständlich Lagen geben, in denen eine “zentrale” Überwachung umgesetzt wird. Dies gilt beim Strahlenschutz-und beim Gefahrgutseinsatz mit zentralen Zu-/Ausgängen. Dies sollte hier aber nicht Gegenstand der Betrachtung sein.

Qualitätskontrolle

Eine einfache Möglichkeit um das eigene Überwachungssystem auf seine Sinnhaftigkeit zu überprüfen ist das (Stab-)Linien-Organigramm. Die Gliederung im Einsatz folgt diesem strikt. Dies heißt, einem Zugführer sind mehrere Staffel-/ Gruppeführer unterstellt. Dem Zugführer wiederum ist gegebenenfalls ein Abschnittsleiter oder der Einsatzleiter vorgesetzt,  der mehrere Züge unter sich hat. Legt man nun ein Kommunikationsschema und ein “Überwachungs-Schema” über das Führungsschema, so müssen diese zu 100 % deckungsgleich sein. Sobald dieses Kongruenzprinzip nicht mehr gilt, ist das eigene Überwachungs-/Kommunikationssystem fehlerhaft. Damit wird auch klar, dass ein “Atemschutzkanal” im 2m BOS-Funk oder eine “Atemschutzgruppe” im TETRA DMO oder TMO in den normalen Einsätzen taktischer Unsinn ist.

Fazit

Für eine sinnvolle und im Falle eines Zwischenfalls lebensrettende Atemschutzüberwachung bedarf es keiner aufwändigen Technik. Eine gut ausgebildete Führungskraft kann dies auch mit einer Armbanduhr, einem Zettel und einem Stift umsetzen. Eine schlecht ausgebildete Führungskraft ist auch mit der besten Technik hilflos und wird unter Umständen sogar zu Sorglosigkeit verleitet, da die Technik so überwältigend sicher wirkt. Dies gilt auch und gerade für Überwachungstafeln, die eine Vielzahl von Trupps “überwachen” sollen. Dies verführt gerade zu einer sinnlosen, zentralen Überwachung.

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